War zuerst die Henne, oder war’s das Ei? Die Frage passt zu Ostern und sie hat einen historischen Ansatz. Auch die Suche nach den Ursprüngen des interaktiven Fernsehens gibt uns Knobeleien auf. Zum Beispiel, wo die echte Interaktivität anfängt. Ganz nebenbei lässt sich beim Stochern in der Fernsehgeschichte so manches Überraschungsei freilegen.
English abstract: History
In the late ‘60s, there was a German game show called “Der goldene Schuss” (“The Golden Shot”). A viewer would call in and help a blindfolded participant in the studio as they tried to shoot a bull’s eye. We consider game shows like these the beginning of interactive TV.
Wenn wir ganz streng nach der Definition gehen, weiß jeder, welchen Weg wir in Punkto Interaktivität noch vor uns haben. Denn interaktiv ist, wenn der Zuschauer aus dem Kontext des Fernsehbildes heraus eingreifen kann, per Rückkanal - und das heißt mit der Fernbedienung und eben nicht über Festnetz, Mobiltelefon oder PC. Die Experten streiten über viele Details der Definition, doch die meisten sagen, echte Interaktivität ist nur ohne Medienbruch zu haben.
Zu den ältesten pseudo-interaktiven Anwendungen gehört der Videotext. Er begann analog und qualifizierte sich digital immer weiter.Doch ganz am Anfang war das Spiel. Bereits in den sechziger Jahren gab es die Sendung „Der goldene Schuss“ im ZDF. Das Fernsehlexikon schreibt dazu:
…Mittelpunkt der Sendung ist das immer wiederkehrende Schießspiel mit der Armbrust. Nach dem Kommando „Kimme, Korn, ran!” müssen Kandidaten im Saal oder Telefonkandidaten zu Hause die Mitte einer Zielscheibe treffen. Dazu hat das ZDF die Kamera so auf der Armbrust montiert, dass die Linie Kimme-Korn-Ziel vom Zuschauer im genau gleichen Winkel gesehen wird wie vom Kameramann. Dem Kameramann werden jedoch die Augen verbunden, und der Telefonkandidat gibt ihm innerhalb einer vorgegebenen Zeit mit „Links - rechts - hoch - runter - Schuss!” Anweisungen, was er tun soll. Auf diese Weise können sich die Telefonkandidaten für die nächste Sendung als Studiokandidat qualifizieren . …
Das lief ähnlich wie mit Lex Barker, als er eine Postkutsche treffen musste:
Dann kam Hugo. „Im Jahre 1990 erblickt HUGO erstmals das Licht der dänischen TV-Welt. Dort lief die allererste “HUGO” Sendung überhaupt. Die interaktive Sendung ist so erfolgreich in Dänemark geworden, dass auch andere Länder, darunter Deutschland, diese Show haben wollten.“
Die Zuschauer meldeten sich per Telefon an. Wer ausgewählt wurde, durfte Hugo mit den Tasten seines Telefons durch rund 20 verschiedene Landschaften manövrieren, Abenteuer bestehen und Punkte einsammeln, sich dabei nach rechts oder links bewegen, sich zu ducken oder zu springen. Hugo konnte Äpfel ernten, Ballon fahren, Bergsteigen, Fliegen, Floß fahren … einfach alles. Jedes dritte Kind zwischen 3 und 13 fieberte mit dem kleinen Troll mit. Hugo war Mitte der 90er ein Straßenfeger und ernsthafte Konkurrenz für den realen Spielplatz vor dem Haus.
Andere Spiele bieten heute Sender wie 9live. Nach einem Ausflug ins etwas andere Einkaufserlebnis im Tele-Shopping-Center zocken Erwachsene in Quizshows mit telefonischem Rückkanal. Geradezu klassisch und in breitestem Achtziger-Chic kommt dagegen der Superball von SAT.1 daher. Das war Anno 1988:
Wir ahnen, dass damit ist das Potenzial der Interaktivität nicht ausgeschöpft sein kann. Wir wünschen uns interaktive Anwendungen besser aufs Fernsehen zugeschnitten, nicht als kleine Brüderchen von Computersoftware, die in einem Fort “Ich auch” schreien. Doch was leistet mehr als Konsum und ist anders als PC?
Mit Arbeiten oder Spielen am Rechner hat Fernsehen tatsächlich wenig zu tun. TV ist bisher ein klassisches Push-Medium. Der Nutzer hat die Gewohnheit, mehr oder weniger passiv zu konsumieren, und da wir in Deutschland sind, das ganze auch „for free“. Entweder es gefällt oder ich zappe weiter.
Am PC ist der Nutzer daran gewöhnt, Inhalte zu suchen. Sicher lernt er das auch am TV schätzen, doch dafür muss die Technik stimmen, ausgereift und nutzerfreundlich zu bedienen sein. Der Fernsehzuschauer an sich ist gern bequem.
Was bleibt: Eine schöne Herausforderung für Produzenten. Wie den Fernsehzuschauer aus der Reserve locken?
Wer gerne dieser Frage nachgehen möchte oder sich für die Geschichte des Interaktiven Fernsehens an sich interessiert, hat vieleicht Spass an unseren Lektüretipps:
Märchen erzählen im interaktiven Fernsehen
Fernsehen früher und heute und weitere Aspekte, Medien zu betrachten
Nutzerakzeptanz im Angesicht des Interaktiven Fernsehens am Beispiel IPTV
An Ostern kann man sich nie sicher sein, ob man alle Eier gefunden hat. Daher erheben wir auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit, weder was die Links noch was die Geschichte des Interaktiven Fernsehens angeht. Vielleicht hat jemand noch andere Überraschungseier gefunden?
Dieser Beitrag wurde am Sonntag, 23. März 2008 um 10:00 Uhr veröffentlicht und unter der Kategorie Medienwelt abgelegt. Sie können die Kommentare zu diesem Eintrag durch das RSS-Feed verfolgen. Sie haben die Möglichkeit, einen Kommentar zu hinterlassen oder einen Trackback von Ihrem Weblog zu senden.
1.- Rolf Hemmerling
Kommentar vom 26. März 2008 um 21:04
Wow, Ihr erzählt hier ne schöne Märchenstunde, ich hab’s genossen und geschmunzelt.
Zwei Dinge habt Ihr dann doch vergessen.
a)
Die Show “Wünsch Dir Was” mit dem legendären Lichttest.
Schaurig ist im o.g. Artikel der Abschnitt über den käuflichen “Lichttestautomat”… ein Gerät das einen irren Stromverbrauch erzeugte, damit seine Stimme “Gewicht” bei einer Abstimmng bekam. LOL.
b)
Ich hab mich immer gewundert, warum seit Anfang der 1990er Jahre die Kandidaten am Telephon häufig wie Deppen reagierten, also zu langsam oder falsch Kommandos abgaben bei den Hugo-alike Fernsehsendungen, bis ich drauf gekommen bin, daß sie vielleicht Satelliten-TV schauten, oder seit einigen Jahren Digital-TV DVB-S/C/T.
Nun, gegenüber dem klassischen Analog-TV per Kabel oder (in Hannover bis 2004 ) per Antenne sind alle digitalen Medien plus analoger Satelitenempfang einige Sekunden verzögert…. tja Pustekuchen mit Gewinnen, wer so guckt.
Tja… wie sieht’s aus bei “T-Home Entertain” mit der Verzögerung gegenüber altmodischem, aber ultraschnellem Analog-TV
?
Viele schmunzelnde Grüße
Rolf Hemmerling
2.- Team Interactive TV Award
Kommentar vom 27. März 2008 um 18:30
Lieber Herr Hemmerling,
wir schmunzeln zurück und bekennen, auch bei T-Home Entertain sind Verzögerungen gegenüber Analog-TV vorhanden. Die Zeitspanne hängt vor allem von der Art der Signalanlieferung durch den Contentlieferanten ab.
Dürfen wir uns auf einen von Ihnen eingereichten Beitrag freuen, der diese Gegebenheit für noch mehr Spaß an Unterhaltungsangeboten kompensiert?
Viele Grüße, Ihr Team Interactive TV Award
3.- Gustavo
Kommentar vom 27. März 2008 um 21:50
Hi,
In fact, interactive television is not really a new concept. Reading this post, I remebered Winky Dink. Also in the ’60s, it was a very popular cartoon show that became interactive:
“(You could buy an)…’Official Winky Dink Kit’ and apply a thin sheet of acetate known as the ‘Magic Window’ over the television screen. Also included in the kit were cleanup cloths and crayons. Kids interacting with the show would be asked to draw ropes, bridges and other props to help Winky escape out of trouble, under the direction of the host, Jack Barry.”
The full history can be found here:
http://www.gooddealgames.com/articles/Winky_Dink.html
And a kit offer on Amazon:
http://www.amazon.com/Winky-Dink-You-Magic-Kit/dp/B00005UO7I
-Gustavo
4.- Team Interactive TV Award
Kommentar vom 28. März 2008 um 15:28
Hello Gustavo,
Many thanks for the additional material. We’re sure there are plenty of other examples. It’s interesting to us that people still discuss and think about these facts after such a long time. Maybe there are similar inspirations for today - or maybe not. It would be worthwhile keeping track of so that in ten or twenty years we can see what was the classic, the evergreen of interactive television.
Friendly Greetings,
The Interactive TV Award Team
5.- Rolf Hemmerling
Kommentar vom 29. März 2008 um 07:52
An den “interaktiven Rohrkrepierer” CD-I
http://de.wikipedia.org/wiki/CD-I
sollten wir hier auch noch erinnern,
und wie wenig Interaktivität die heute durchschnittliche Spielfim-Video-DVD als Extras so mitbringt.
Dieses Niveau von Interaktiviät ist heute locker mit “T-Home Entertain” auch per Video-Streaming machbar, ohne den ( aus Publikumssicht )lästgen teuren Medienkauf.
Aber eben.. es hat das Publikum leider nie wirklich fasziniert.
Grüße
Rolf
6.- Alexander Gäfe / MacG
Kommentar vom 04. April 2008 um 20:58
Ich machs mal ganz einfach und poste nur den Link… denn diesen Artikel habe ich bereits 1995 geschrieben.
http://www.phil.uni-sb.de/projekte/HBKS/TightRope/issue.2/text/gaefe.html
Irgendwie hat sich im TV seither doch nur recht wenig bewegt… obwohl wir uns alle mehr und schneller erhofft hatten.
Und ich habe damals bei fast allen relevanten Interactive TV Feldversuchen mitgearbeitet.
Naja, vielleicht klappt es ja jetzt
Alexander