Inhalte machen kann jeder! Was im Web 2.0 Alltag ist, wird auch die Zukunft des Fernsehens bestimmen, besonders wenn es aus der Internet-Leitung kommt. Mit IPTV macht der Rollentausch Programm: Gestern Zuschauer, heute User, morgen Anbieter und übermorgen Medienmacher. Aber was passiert, wenn die Inhalte von Leuten wie dir und mir nicht mehr die Domäne der Youngster und PC-Tekkies bleiben? Die Info-Epidemie greift weiter um sich, sagen die einen, über neuen Schub fürs alte Fernsehen freuen sich die anderen. Wer der Sache nachgeht, merkt: IPTV ist eine neue Welt und ihre kreativsten Pioniere werden vielleicht die Zuschauer.
English abstract: The Viewer as Pioneer: User-generated Content in the Television of Tomorrow
Anyone can provide content! What’s now run of the mill in Web 2.0 will also shape the future of television, especially when it comes from the Internet line. Role reversals are the name of the game with IPTV: viewer yesterday, user today, provider tomorrow and media maker the day after. But what happens when content is no longer the domain of youngsters and PC tekkies, and is created by people like you and me? The info epidemic is running wild, some say, while others are delighted that the old television has been given new wings. Take a look and you’ll see: IPTV is a brave new world, and its most creative pioneers may well be the audiences themselves.
Klowände mit Wahrheitsprogramm
Dabei haben die Inhalte, die Nutzer produzieren, einen Aufstieg mit vielen Widerständen hinter sich. Klowände des Internets nannte noch vor zwei Jahren Werber Jean-Remy von Matt die Blogs und legte damit unvergessene verbale Flächenbrände. Da hatten die Webtagebücher von User-Autoren, die oft in Netzwerken agierten, sich jedoch bereits eine gewisse Autorität erarbeitet: Ihre Enthüllungen beeinflussten Wahlkämpfe. Ihre Popularität zogen sie gerade aus ihrer Subjektivität. Recherche-Fehltritte konnten ihnen auch nichts anhaben, weil Ergänzungen und Kommentare anderer Nutzer zu ihrem Wahrheitsprogramm dazugehörten. Gleichwohl waren viele etablierte Medienschaffende alarmiert und sahen den Untergang des Qualitätsjournalismus heraufziehen.
Am Lob der ungefilterten Meinungsfreiheit konnte oder wollte fast niemand vorbei. Heute gesteht man Blogs schon mal gönnerisch eine feste Rolle bei der Meinungsbildung zu. Die glorifizierende Erfindung der Schwarmintelligenz im Web 2.0 geht jedoch immer noch vielen zu weit. Ihnen bleibt unverständlich, warum das, was viele tun, Bauch-Handeln sein soll und allein dadurch richtig. Den Kopf schüttelte darüber zuletzt der Internet-Experte Andrew Keen. In einem neu erschienen Buch nennt er gerade auch Videoportale wie YouTube Kulturkiller: Was auf deren Seiten passiere, stünde weder für Verantwortung, noch für Qualität, noch könnten Autoren damit Geld verdienen.
Tatsächlich ist das, was Internet-User wie du und ich so produzieren, gelegentlich unappetitlich bis menschenverachtend. So müssen immer wieder auch strafrechtlich relevante Videos und Beiträge von den Betreiberseiten entfernt werden.
Spielen mit dem Feuer
Aller Unberechenbarkeit zum Trotz, Marketing-Leute haben „user-generated content“, Koseform UGC, früh für sich entdeckt. Lebhaft in Erinnerung ist in der Branche eine Kampagne um einen schweren Lifestyle-Jeep aus dem Hause Chevrolet. Autofans waren aufgerufen, einen eigenen Werbeclip zu produzieren und auf ein Portal hochzuladen. Dieses so genannte Social Marketing war wie das Feuer in der Steinzeit: Eine große Chance und ein neuer Weg zur Kundenbindung, und man wollte mit diesem Feuer auch spielen. Am Ende entstanden auch etliche Filmchen, die den vierrädrigen Brummer in einer nicht ganz beabsichtigten Rolle als spritfressenden Klimaschädling zeigten.
Das Establishment umarmt Frösche
Inzwischen sind die Du-und-Ich-Inhalte jedoch definitiv im Establishment angekommen. In Deutschland, hieß es kürzlich, steigt der pensionierte Nachrichten-Papst Ulrich Wickert ein in den Web 2.0-Journalismus. Sicher hat er vorher einmal zu den USA hinübergeblinzelt. Al Gore’s Nachrichtenportal Current ebenso wie die New York Times fordern Leser seit letzten Herbst dazu auf, Video-News und Kommentare beizusteuern.
Manchmal geht die Begeisterung der etablierten Presse inzwischen jedoch zu weit und sie küsst bei ihren Umarmungen des User-Contents Frösche statt Prinzen. Kritik erntete letztens Welt Online, wo die Redaktion ein YouTube-Video auf sehr unkritische Weise eingebunden hatte. Die Story dazu suggerierte, dass darauf der Formel-1-Manager Max Mosley in einer verfänglichen Situation zu sehen wäre – die Journalisten verloren jedoch nicht mal ein Wort darüber, dass er nicht wirklich erkennbar war.
Die Story als Kuckuckei
Solche Fälle illustrieren, dass die Nutzer-Inhalte in eine offene Flanke der etablierten Medien rennen. Denn gründliche Recherche kostet Zeit und Geld. Längst ist es eine anerkannte Tatsache des Mediensystems, dass PR einen sehr großen Anteil der Berichterstattung prägt. Vielleicht geht das Zepter dafür in Zukunft an die Grassroots, die gemeinen User. Ein Grüppchen von Web 2.0-Guerillas machte letzte Woche vor, wie das laufen könnte: Sie verhalfen dem ARD-Magazin „Polylux“ mit einem vorgeblichen Speed-Diätetiker zu einer Kuckucksstory.
Die aufbegehrende Meinungs- und Schaffenskraft von unten ist tatsächlich schwer zu stoppen. In Kalifornien soll die Menge an „user-generated content“ letztes Jahr die traditionell erzeugten Web-Inhalte in den Schatten gestellt haben. Gerade Videos als potenziell besonders IPTV-affine Inhalte sind dank YouTube im Kommen und der am stärksten wachsende Nutzer-Content überhaupt – attraktiv für inzwischen drei Viertel der US-amerikanischen Internet-User.
Harmonie unerwünscht
Klar, denn Videos sind eine hervorragende Möglichkeit, um seine Meinung ungekürzt und mit allem emotionalen Tamtam los zu werden. Auf Friction.tv geht das zum Beispiel, und wie der Name schon sagt: Harmonie ist hier unerwünscht. Aber User lassen sich an diesem Punkt nicht einfach bremsen und wollen mehr, nämlich echte Manager-Macht: In England übernahm erstmals eine Web-Community einen ganz realen Fußballclub. Kein Wunder, dass auch das Wirtschaftssystem durch private Filmchen inzwischen ins Wanken gerät: Großen Schaden beklagte unlängst die Porno-Industrie.
Doch mal weg von Themen unter dem Ladentisch: Wie viel von dem überbordenden Content ist eigentlich für wen noch interessant? Niemand bestreitet, dass ein Long-Tail-Bedarf da ist, das heißt viele zersplitterte Spezialinteressen jenseits des Mainstreams, die bisher niemand bedient. Dennoch gibt es auch Videoportale, die jammern: Geld machen mit den Du-und-Ich-Inhalten sei eine zähe Angelegenheit, ebenso wie überhaupt jemand zur Beteiligung zu inspirieren.
Remakes vom Bauernhof
Dabei kostet die Produktion der Amateur-Videos ja weder die Portale noch scheinbar die Autoren etwas. Viele Amateur-Filmer investieren zumindest wenig mehr als ihre Begeisterung. Gutes Beispiel sind Fanfilme: die Vorlagen dazu liefert Metro-Goldwyn-Mayer, das Set des Remakes der familieneigene Bauernhof, auch wenn der dank PC-Rendering hinterher nicht mehr wiederzuerkennen ist. Unbeugsame Movie-Aficionados sind ein Potenzial, das auch die Marketing-Maschine der Filmindustrie inzwischen dankend nutzt: Zum Neustart der Produktion „Abgedreht“ Anfang April sind Amateur-Filmer eingeladen, eigene Versionen von Hollywood-Streifen auf MyVideo hochzuladen und so an einem Wettbewerb teilzunehmen.
Über Fanfilme berichtete am 3. April das ARD-Magazin Polylux:
polylog abgedreht hollywood @ www.polylog.tv/videothek
Laufen Video-Portale hingegen erst einmal, dann laufen sie von selbst. YouTube leistet es sich inzwischen sogar, besonders beliebte Laien-User materiell zu unterstützen und ihnen damit ähnliche Voraussetzungen zu bieten, wie professionellen Videoanbietern. Wer dabei leer ausgeht, spart wenigstens die Distributionskosten und wartet gelassen, bis vielleicht doch ein wenig Ruhm herausspringt. Peer-to-Peer-Lösungen, wie sie auch IPTV bieten wird, würden sogar alles noch billiger machen. Für unabhängige Filmemacher sind Downloads ihrer Werke über das Internet oft sogar der Königsweg, Networking zu betreiben und ihre Produktionen vorbei an den großen Verleihfirmen zu vermarkten.
Wo hört der User auf?
Aber damit stoßen wir an eine Frage, die wir bisher umgangen haben: Wo hört überhaupt der User auf, fängt der Profi an? Ist es die Qualität der Erzeugnisse, ist es das Management, der erklärte Wille zum Geldverdienen, die diese Frage entscheiden? Wenn wir an IPTV und die Zukunft denken, fällt gerade bei Videos die Qualität schnell ins Gewicht oder jemandem auf die Füße. Denn so manches Amateur-Erzeugnis ist vor allem gut gemeint. Kein Wunder, dass manche Medienmacher jetzt schon sagen: „user-generated video is over“. Sie sehen die Zukunft eher in echten Talenten, nicht in Filmen aus der Masse.
Aber Qualität hin oder her, am User-Inhalt kommt keiner vorbei. Didier Lombard, Chef von France Telekom, hat es letzte Woche bei einem Vortrag in Cannes zugespitzt: „Der Medien-Begriff ist passé.“ Jeder ist Medien-Unternehmer, meinte er, und es klang wie ein Ritterschlag für Web 2.0. Aber er wäre nicht der, der er ist, nämlich Manager eines führenden IPTV-Akteurs und Netzbetreibers in dem am weitesten entwickelten IPTV-Markt Europas. Und so hatte er auch die Rolle des eigenen Unternehmens im Kopf.
Der Wandel, der auf das Mediensystem zukommt, ist wohl schwerer abzusehen als die Inhalte, wo uns Web 2.0 vieles vormacht. Technisch bedeutet IPTV einfach: Filme werden individuell und zeitunabhängig abzurufen sein, Inhalte werden steuerbar und personalisierbar. Peer-to-Peer ermöglicht neuen Web-Communities, Unternehmen oder Bildungshungrigen ihre Videos unabhängig von Anbieter-Portalen auszutauschen oder per Live-Web-Cams mit einander in Verbindung zu treten. Und das alles bequem übers Fernsehen, und damit attraktiv für eine viel breitere User-Gruppe als bisher.
Neue Netze im Mediensystem
Einig sind sich Experten, dass viele Spieler des Mediensystems – nicht nur die Telekommunikationsunternehmen - ihre Rolle im IPTV-Zeitalter grundlegend überdenken müssen. Viele der Fragen, die im jetzigen Stadium des Web-Fernsehens aufkommen, werden sich dann neu und radikaler stellen. Plötzlich entstehen neue Wertschöpfungsnetze von Akteuren, Diensten und Nachfragern: Wer produziert? Wer verteilt? Wer konsumiert? An allen Enden sitzen User, an allen Enden sitzen Macher – seien es nun Unternehmen oder Einzelpersonen.
IPTV hat gegenüber dem Web-Fernsehen einen entscheidenden Vorteil. Die Flimmerkiste steht für passives Konsumieren, und es zeichnet sich ab, dass das noch lange das vorherrschende User-Verhalten bei Bewegt-Inhalten bleiben wird. Aber es gibt heute auch schon Indizien, die für einen aktiveren Umgang mit dem Fernsehen sprechen. Immer mehr fernsehende Briten haben einer Studie über sich anvertraut, neben dem Fernsehen gerne im Internet zu surfen und sich dabei auch ergänzende Informationen ins Haus zu holen. Der Einstieg in eine aktivere Rolle der Zuschauer hat also schon begonnen. Und das nötige Maß an Bequemlichkeit könnte in Zukunft ein einziges Gerät liefern – der gute alte Fernseher.
UGC – was sagen Sie?
Haben wir eine Content-Pioniertat von Leuten wie du und ich vergessen? Wird user-generated Content Treiber oder Übel der neuen IPTV-Welt? Generieren Sie uns Ihre Meinung.
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Sie mögen den Begriff „user-generated content“ nicht? Sie sind nicht allein.
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Dein und mein Beitrag zur Forschung
Befragung zum Thema Online-Videos von der Uni Göttingen
Dieser Beitrag wurde am Dienstag, 15. April 2008 um 10:50 Uhr veröffentlicht und unter der Kategorie Medienwelt, User abgelegt. Sie können die Kommentare zu diesem Eintrag durch das RSS-Feed verfolgen. Sie haben die Möglichkeit, einen Kommentar zu hinterlassen oder einen Trackback von Ihrem Weblog zu senden.
1.- Michael
Kommentar vom 19. April 2008 um 16:08
Na da sind wir ja mit http://www.calli.tv auf dem richtigen Weg.
2.- Valentin
Kommentar vom 23. April 2008 um 12:20
Um Fernsehen interaktiv zu machen wäre es am einfachsten den Fernseh-Sendern die Möglickeit dazu zu geben. Alle darauffolgenden Content-Varianten sind dann eh’ zwangsläufig und bedürfen keiner Studie aus England wo es offebar Leute gibt, die lesen können und wollen.
Eine aktive Rolle hat der Zuschauer seit es die Fernbedienung und den Teletext gibt. Nur schade das er aus dem schwarzen Teletext nicht ausbrechen kann.
Schönen Gruß
3.- Robert Arndt
Kommentar vom 06. Mai 2009 um 13:17
Tatsächlich haben nutzergenerierte Inhalte in ihrer Summe eine enorme Reichweite und stellen somit durchaus eine Konkurrenz zu redaktionellen Inhalten dar. Hierbei werden jedoch zwei zentrale Aspekte meist nicht berücksichtigt:
1.) Der Erfolg von YouTube speist sich zu einem Großteil aus professionellen, raubkopierten Inhalten (siehe Rubrik „Meistgesehen“).
2.) Einzelne Amateur-Beiträge erzielen in der Regel nur äußerst geringe Reichweiten, die kaum über den Bekannten- und Freundeskreis hinausgehen, da sie für ein breites Publikum weder Relevanz noch Qualität bieten.
Videos, die von dieser Regel abweichen, wurden in den vergangenen Jahren in der Fachpresse wie auf Konferenzen derart heiß diskutiert, dass sie in den Strategieabteilungen der Medienunternehmen fälschlicherweise zur Mythenbildung eines massenwirksamen Erfolgs von nutzergeneriertem Content beigetragen haben. Der Erfolg dieser wenigen Erfolgsstorys beruhte jedoch fast immer auf dem Augenzeugen-Prinzip: Zur „richtigen“ Zeit am „richtigen“ Ort – und dann Handy-Kamera draufhalten (Tsunami, Bombenanschläge in London, Flugzeug-Notlandungen etc.).
Als Zulieferer von Video-Footage bei unvorhersehbaren Ereignissen werden die User wohl auch weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Dort wo es jedoch darum geht, kreative und dramaturgisch ansprechende Inhalte zu entwickeln, sehe ich derzeit keinen Anlass, auf die kommerzielle Verwertbarkeit von nutzergenerierten Videos zu vertrauen. Schließlich wurde User Generated Content nicht erst mit dem Web 2.0 erfunden. Die Vorgänger hießen Leserbrief, Bürgerradio und Offene Kanäle (klingt nicht mehr so sexy, oder?).
Dass die Wahrnehmung und Bewertung nutzergenerierter Inhalte auch in Abhängigkeit zur Medienumgebung steht hat eine Studie ergeben, die das Thema experimentell überprüft hat. Will damit sagen: Was auf YouTube funktioniert, muss noch lange nicht im Fernsehen funktionieren, das nach wie vor von Premium-Inhalten geprägt ist.
Die komplette Studie und weitere Infos zum Thema User Generated Content finden sich hier:
http://www.scribd.com/doc/14850438/Studie-User-Generated-Content-in-unterschiedlichen-Medienumgebungen-Autor-Robert-Arndt
Ein Summary der Studie findet sich hier:
http://www.scribd.com/doc/14850440/Studie-User-Generated-Content-in-unterschiedlichen-Medienumgebungen-Summary-Autor-Robert-Arndt