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“Mein neuer Freund” macht Fernsehen ohne Fernsehen

Von Alexandra Evers, Projektleitung Interactive TV Award | Tags: , , ,

Brainpool zeigt mit seinem Format Ulmen.TV, dass das Internet tatsächlich eine ernst zunehmende Alternative zum bisherigen Fernsehen sein kann. Tausende von Zuschauern haben bis dato die Clips zu Ulmen’s Fremdschäm-Sendung „Mein neuer Freund“ auf mayspass.de gesehen. Zu wenig fürs klassische Fernsehen – gar nicht so schlecht fürs Netz.

Bei Pro7 wurde das Format „Mein neuer Freund“ bereits nach einer Folge abgesetzt bzw. aufgrund der heftigen Proteste einer nicht allzu kleinen Fangemeinde ins Nachtprogramm verbannt. Jetzt im Netz bleibt sich das Format selber treu: Stinknormale Mitmenschen (oder solche, die sich dafür halten) werden durch die Konfrontation mit den Ulmen’schen Charakteren dazu verführt, ihre eigene Unzulänglichkeit zu offenbaren. Ging es vorher darum sich und seine Charaktere von Kandidaten als neuer Freund der Tochter in deren ahnungslosen Familien einführen zu lassen (für das nette Sümmchen von 10.000 Euro!), so lässt er sich und seine Opfer nun für eine Reality-Show von einem Kamerateam begleiten.   Sei es der stinkende Knut Hansen, der den ur-bayrischen Bürgermeister aus der beschaulichen Gemeinde Chamerau dazu bringt, stolz zu verkünden: „Bei uns gibt es kein Gesindel, keine Türken, keine Schwulen“. Und den gut gemeinten Ratschlag mit auf den Weg bekommt: „Und wenn Du mal Spaß haben willst, fährst du nur 15 Kilometer hinter die tschechische Grenze in den Club Pyramide“. Wen wundert‘s da noch, dass der liebe Herr Bürgermeister heute pensioniert ist und in Ungarn lebt! Der Freak Uwe Wöllner. Oder der geleckt-geschniegelte Alexander von Eich, der einer Hart-IV-Empfänger Familie anbietet, ihr den Weg aus dem Prekariat-Sumpf zu zeigen.

Das Streamen im Internet umgeht somit die allzu vielen Restriktionen im Fernsehen, denen auch Herr Ulmen folgen musste. Obwohl Ulmen seinen Charakteren nicht alle Freiheiten zugestehen konnte, wurde „Mein neuer Freund“ 2006 für den Deutschen Fernsehpreis nominiert, von Kritikern und Fans geliebt und nicht zuletzt wegen seiner nichtfiktiven Gesellschaftsatire geachtet.  Trotzdem wurde das nicht massentaugliche Format sofort abgesetzt – wie viele seiner Vorgänger und Nachfolger. Während der Qualitätscontent im Netz zum Longtail werden könnte, wird das gute alte Fernsehen immer flacher. Unsere deutsche Fernsehwirklichkeit heute: Ich muss mir leider „ernst“ gemeinte (wo soll das noch hinführen…), dennoch stark verblödende und an der Moral vorbei produzierte Formate, wie die „Sozialschmarotzer“-Show  oder Schuldnerberater Peter Zwegat vorsetzen lassen! Dann doch lieber Ulmen.TV….

Nicht anders als im guten alten Fernsehen muss auch im Netz Geld verdient werden. Zwar sind die Clips in diesem Video-on-Demand-Portal – wie bei Youtube – kostenlos, finanziert durch Werbung, doch wer wird sie buchen? Im Moment wird nur von allen Seiten investiert, Hauptsache man verpasst den Trend nicht. Wir werden sehen, ob sich das jemals rentieren wird!?

Somit ist wohl, meiner Meinung nach, bewiesen: Wenn in der guten, alten Glotze etwas nicht ans Laufen kommt, heißt das noch lange nicht, dass es gar nicht funktioniert! Ulmen zeigt ja, dass gut gemachte Nischen-Formate auch ohne Umweg im Netz Erfolg haben!

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2 Kommentare (Kommentar schreiben?)

  1. 1.- Alexandra Evers, Projektleitung Interactive TV Award

    Kommentar vom 23. Januar 2009 um 15:46

    Der Druck auf die Videoportale wächst.

    Nicht zuletzt wegen der sich ausbreitenden Wirtschaftskrise flaut auch das Budget der werbetreibenden Industrie deutlich ab. Sogar im Trendmedium Nr. 1, dem Web, geht es abwärts (http://www.ecin.de/news/2009/01/21/12763/): zwar verlief das Jahr 2008 insgesamt noch positiv, doch im letzten Quartal zeigt die Kurve nach unten. Kein Wunder, dass sich auch die Videoportale Gedanken über ihre Rentabilität machen, YouTube ist ja schon seit längerem in den Schlagzeilen deswegen.

    Der entscheidende Weg wird nach Ansicht des Sevenload-Gründers Ibrahim Evsan (http://www.streetlightstv.de/blog/ibrahim-evsan-ugc-auf-dauer-ohne-chance/#more-246) nur über die Qualität führen: Letztlich ist es einfach zu teuer, Millionen von schlecht gemachten Clips und Filmen auf wertvollem Speicherplatz zu hosten. In einem solchen Umfeld Werbung zu platzieren, dient nun mal nicht der eigenen Reputation. Unsere IPTV-Fernseh-Sender haben’s doch gut: hier steht vor einer Veröffentlichung immer eine Redaktion, die zwar nicht den Geschmack eines jeden trifft, doch uns zumindest vor den 99% technisch mies produzierten Videomüll bewahrt!

  2. 2.- Alexander MacG

    Kommentar vom 28. Februar 2009 um 22:40

    LOL…

    so süffisant!

    Dabei ist doch die Telekom mit rund € 20 Millionen bei Sevenload eingestiegen.

    Was ein brillianter Schachzug ist und ich tatsächlich mal dem Strategen, der das eingetütet hat, Respekt zollen muß.

    Und gerade Sevenload arbeitet mit Hochdruck an qualitativen Inhalten und Web-TV Serien… und wird nur zu gerne von mir als Produzent, dabei unterstützt.
    :-D

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